Sing and Sign

BACH – mit den Augen hören

Eine Konzertreihe des Ensembles SING AND SIGN

Worte allein haben Kraft, Musik verstärkt diese Kraft, kommen dann noch die entsprechenden, wunderbar ästhetischen Gebärden hinzu, wird Musik plötzlich dreidimensional, was kraftvoller und intensiver nicht sein kann

Johann Sebastian Bach hat gesagt „Mit aller Musik soll Gott geehrt werden und alle Musik soll die Menschen erfreuen.“  Doch für hörgeschädigte Menschen ist seine Musik, die einen wesentlichen Teil unserer Kultur ausmacht, kaum zugänglich. Um dem etwas entgegenzusetzen, gründete die Sopranistin Susanne Haupt das Vokalensemble „SING and SIGN“, mit dem sie gemeinsam sowohl Bachs Weihnachtsoratorium, als auch Passionen, Kantaten und Motetten audiovisuell mit Hinzunahme von Gebärden zur Aufführung bringt. Zusammen mit dem historisch orientierten Orchester camerata lipsiensis und der musikalischen Leitung von Gewandhauschorleiter Gregor Meyer.

Das Gesungene wird dabei, bis auf den Evangelisten, dessen Übersetzung von einem Dolmetscher in Deutscher Gebärdensprache (DGS) erfolgt, simultan von den Sängern* selbst mittels lautsprachbegleitender Gebärden (LBG) verbild­licht, da die DGS einen anderen Satzaufbau und Grammatik als die Lautsprache aufweist. Diesen Kompromiss geht das Ensemble ein, damit es möglich ist, den polyphonen musikalischen Aufbau von Bachs Kompositionen zu visualisieren, was besonders bei Fugenstrukturen gut sichtbar wird. Außerdem kann der emotionale Gehalt so durch den Künstler direkt zum Publikum transportiert werden. Bei rein instrumentalen Parts visualisieren die Sänger* die Parameter der Musik nonverbal. Zur Verbildlichung werden neben den Gebärden auch szenische Darstellung, tänzerische Elemente, Pantomime und Gebärdenpoesie genutzt. Auch Interaktion mit dem Publikum ist Teil der Aufführungen.

Hörgeschädigten Konzertbesuchern sollen, neben der Musik, mit Hilfe der Gebärden auch die theologischen Texte der aufgeführten Werke aufgeschlossen werden. Denn Bachs einzigartige kirchenmusikalische Vokalwerke können auf besondere Weise einen Zugang zu geistlichen Inhalten schaffen. Die religiöse Bildsprache wird durch die Hinzunahme der Gestik sichtbar, der emotionale Gehalt verstärkt und visuell transportiert. Außerdem müssen Hörgeschädigte ihre Aufmerksamkeit nicht zwischen Künstler* und Dolmetscher* teilen, was den Rezeptionsprozess erleichtert. Konzertbesuche werden damit weitestgehend barrierefrei ermöglicht.

Hörenden Konzertbesuchern geben die Gebärden einen Einblick in die Zeichensprache hörgeschädigter Menschen. Sie erleben durch die Wirkungsverbindung der akustischen und visuellen Ebene die natürliche Einheit von Musik und Bewegung und eine Art räumliche Darstellung der Musik, in der Worte und Emotionen verstärkt und auf mehreren Sinnesebenen erfahrbar werden. Auch in der Ästhetik des Barock war Musik als Gesamtkunstwerk verwurzelt, was die „Rhetorik der Hände“ einschließt. Die natürlichen Gesten besitzen neben ihrer faszinierenden Schönheit eine starke Aussagekraft. Außerdem unterstützt das Visualisieren der Einzelstimmen auch das differenzierte Hören eines mehrstimmigen Werkes.

Die Gebärdensprache, welche auf den ganzen Körper zurückgreift, „ist eine emotionale Nuancen vermittelnde Ausdrucksform, der Lautsprache ebenbürtig, in mancher Hinsicht überlegen“ (aus Oliver Sacks „Stumme Stimmen“). Sie ist, genau wie Musik, eine Sprache des Gefühls, da beide durch überoptimale Darstellung und überhöhte Wiedergabe dort, wo die Worte fehlen, verdeutlichen was wir ausdrücken wollen. Diese Sprache des Gefühls wird von Hörenden und Hörgeschädigten gleichermaßen verstanden, was Verbundenheit schafft und das Gemeinschaftsgefühl fördert, genau wie das gemeinsame Erleben eines solchen Konzertes. So wird nicht nur zwischen Komponist und Publikum vermittelt, sondern auch zwischen beiden Welten eine Verbindung geschafft und Perspektivwechsel gewagt.

 

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